Martina Straková: „Ich brauche Kitsch“ … ein Gespräch von / mit Sylvia Geist für das online Projekt poetskatze.de

Tento rozhovor začal vznikať v online komunikácii na jeseň v roku 2020 na podnet nemeckej poetky a zostavovateľky antológie poetskatze.de Sylvie Geist. V texte sa priamo cituje nástenný šperk Potrebujem gýč aby som v tomto svete dokázala byť šťastná. Rozhovor uverejňujeme v pôvodnej nemeckej verzii.

Sylvia Geist: Die amerikanische Gesellschaftskritikerin und Autorin Naomi Klein hat in einem Interview im Sommer 2020 das Potenzial der Krise als Chance hervorgehoben. An welcher Stelle und unter welchen Voraussetzungen könnte die Krise aus deiner Sicht als Chance begriffen und genutzt werden?

Martina Straková: Eine Krise bedeutet eine Neudefinition des Bisherigen, des Alltäglichen und Verkrusteten. Sie bringt, zumindest teilweise, einen Bruch im scheinbar Offensichtlichen – auch in der scheinbaren Sicherheit – mit sich, stört und erodiert unsere tägliche Routine, auch die einer Gesellschaft, ohne Routinen kommt es gar nicht zur „Gesellschaftswerdung“. Eine Neudefinition gesellschaftlicher Routinen kann aber eine positive Entwicklung einleiten, eine Steigerung an Kreativität im Sinne eines fühlbar zunehmenden Einfallsreichtums. Ich spreche von einer Kreativität des Alltäglichen, auch hinsichtlich der Anpassung an neue Ereignisse wie z.B. den Verlust des Jobs oder den Bankrott eines Unternehmens, aber auch in größeren Zusammenhängen wie in Sachen Naturschutz.

Doch, ich denke, in so entscheidenden Momenten steckt das Potenzial, neue Lösungen für alte Probleme zu finden oder gesellschaftliche Kräfte zu bündeln, um notwendige Veränderungen vorzunehmen, neue Strategien zu entwickeln. Zugleich ist die Krise eine wahrhaft stressige Situation, in der man auch noch über Fragen der Immunität nachdenken muss, auf persönlicher wie kollektiver Ebene. (Was bedeutet es eigentlich, immun zu sein?) Ich sehne mich nach einer Utopie des Möglichen, einer Utopie der Gelegenheit, nach einer Vision der Besserung. Mein persönliches Manifest ist jetzt: „Ich brauche Kitsch, um in dieser Welt glücklich zu sein.“


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Sylvia Geist: Dazu fällt mir ein, was Milan Kundera einmal über Kitsch schrieb, ich glaube, in seinem Roman Der Scherz: „Kitsch ist die Verleugnung der Scheiße“. Da es die nun einmal gibt, wäre es nicht ein Irrweg, sie zu leugnen?

Martina Straková: Was ich unter Kitsch verstehe – und das repräsentiert auch das Mauer-Juwel – ist eine Art Zuflucht, die ich jetzt sofort, im Krisenalltag, wie nie zuvor brauche. Ich betrachte Kitsch als etwas greifbar Schönes, Liebevolles, das mir nichts vormacht. Wie der Gartenzwerg auf meinem Balkon: Er ist da, wartet jeden Tag auf mich, unter allen Wetterbedingungen und Virus-Attacken. Es ist einfach ein angenehmes Gefühl zu wissen, dass er dort auch morgen sein wird.

Sylvia Geist: In einem Gemälde des chilenischen Künstlers César Olhagary, das ebenfalls hier gezeigt wird, taucht auch ein Gartenzwerg auf, allerdings als Symbol einer falsche Idylle und des Eskapismus in eine heile Welt, die es nicht gibt. Wenn du sagst, Kitsch – inclusive Gartenzwerg – stehe im Gegenteil für Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit – da er “ nichts vorspielt“ – dann ist das erklärungsbedürftig.

Martina Straková: Sicher, doch jeder von uns gibt einer Form, einem Objekt, eine innere Bedeutung und auch einen bestimmten Zweck. Auch ein Text wird gedeutet, Bücher – und ihre Autor*Innen – erfahren Zuschreibungen durch den Leser und im Akt des Lesens. Wenn jemand einen Gartenzwerg als Sinnbild einer falschen Idylle betrachten möchte, ist das sein gutes Recht. Mein Gartenzwerg auf dem Balkon bedeutet aber etwas anderes, weil er in der Umgebung, in die ich ihn gebracht habe, für mich eine bestimmte Funktion erfüllt. Wir können diese Frage auch auf den Kopf stellen und ein klassisches Werk, vielleicht von Rubens, nehmen und in einem Keller oder in einer Garage aufhängen. Einige würden das schon als Häresie betrachten, oder?

Sylvia Geist: Oder auch die Veränderung des Kontexts, die du mit deinem Mauer-Juwel durchspielst: Einmal setzt du die Handarbeit in einen Rahmen, wie man ihn eher um ein Rubensgemälde zu sehen gewöhnt ist, und in einem weiteren Arbeitsschritt – du hast dich eines Programms namens Fotofunia bedient – in ein fiktives Museum mitsamt Besuchern und Betrachtern. Das führt zu der Frage, welche Rolle der „Rahmen“, also die Präsentation und deren Implikationen, für die Rezeption eines Werks spielen. Die Tatsache, dass ich diese Frage, diese Brechung in deinen „Mauer-Juwel“-Arbeiten entdecke, macht es mir schwer, sie überhaupt als Kitsch wahrzunehmen, denn der kommt ja ohne solche Brechung aus.

Martina Straková: Für mich ist Kitsch jedenfalls erst mal keine Verleugnung der Scheiße, sondern ein Bestandteil des Täglichen. Außerdem, Kitsch kann auch gut aussehen. Ich brauche ihn, um diese Krisenzeit zu überbrücken, als Entlastung von Kummer und Angst, aber auch im allgemeinen Sinne, als Ausgleich, als Gegengewicht in Form von Güte und Liebe, Schönheit –

Sylvia Geist: – auch so ein strittiger Begriff.

Martina Straková: Da stimme ich dir zu. Sagen wir, ich meine etwas, das vorhanden ist, oder etwas „Zuhandenes“, also etwas, das mir sofort, hier und jetzt, „zur Hand ist“ und mich „rettet“. Ich brauche diese Art von Gegengewicht, damit ich im Alltag nicht den Verstand verliere. Ich sehne mich nach dem Gefühl von Ordnung und Harmonie. Mit anderen Worten: Ich brauche Kitsch, um in dieser Welt glücklich zu sein. Das ist mein Zauberspruch, mein Mantra, mein Aufruf zur Rückkehr zu Mitgefühl und Menschlichkeit: Das Ausgleichen. Der goldene Schnitt.

Is that really happening? What do you think, Jeff_Mural Jewellery Wool, Mixed media, Fotofunia, 2020
Is that really happening? What do you think, Jeff? Mural Jewellery II-IV, PhotoFunia, 2020

Sylvia Geist: Jeff Koons arbeitete mit Materialien und Farbigkeiten, etwa bei seinen „Balloon Dogs“ die dem Kitsch verwandt sind, allerdings ironisierte er stark. Magst du Koons?

Martina Straková: Ich muss gestehen – und unabhängig davon ob man Koonsʼ Kunst mag oder nicht – dass mir gerade in diesem Moment jetzt und hier, der Blick auf seine Ballon-Dogs&Cats&Rabbits in Pink und Blau ziemlich gut passt. Wir können diese Artefakte auch als einen großartigen Prototyp des Kitschs betrachten (falls es so etwas überhaupt gibt). In diesem Sinne nehme ich auch seine Balloon-Werke wahr, denen ihr Platz im Denken über die Kunst zusteht, gerade weil auch sie nichts vorspielen –

Sylvia Geist: – sondern spiegeln, zumal wir uns buchstäblich in ihnen spiegeln können?

Martina Straková: Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass Koons damit weder um jeden Preis Erfolg haben noch schockieren wollte. Soviel ich weiß, sagte er selbst einmal, sein Ziel sei und bleibe es, „an der Kunst teilzunehmen“, nicht mehr und nicht weniger.
Was die Ironie betrifft, denke ich heute mehr als je zuvor, dass sie in Kommunikation jeglicher Art im Wesentlichen verletzend ist. Und in gewisser Weise auch erniedrigend, weil sie den Wert des Diskurses, einer Beziehung oder einer Freundschaft an einer Stelle, an der es absolut unangemessen ist, verschiebt. Ironie trivialisiert, und zwar grobgängig, sie ist geeignet, den Ernst und das Gewicht jeglichen Problems zu mindern. Gebraucht werden aber Lösungen. Persönlich sehe ich keinen Mehrwert darin, die problematischen Seiten des Lebens und der Welt ironisch herauszustellen. Ehrlich gesagt mag ich ironische Leute nicht besonders. Ich denke auch nicht, dass die Ironie die Menschheit im Sinne echten Fortschritts weiterbringt. Ich halte es in einer Krise nicht für angebracht, die Realität zu ironisieren. Kitsch ironisiert meiner Meinung nach nicht. Kitsch möchte einfach sein, was er ist.

Sylvia Geist: Welche Merkmale zeichnen Kitsch denn für dich aus? Als Gegengewicht zum Bedrohlichen oder Hässlichen des Alltags könnten ja auch Werke der Renaissance oder des Abstrakten Expressionismus oder von mir aus des Impressionismus dienen?

Martina Straková: Die Definitionen des Kitschs variieren natürlich und sind Teil ernsthafter künstlerischer Diskurse. Aus meiner Sicht ist Kitsch etwas, das mit Emotion, oder auch mit Instinkt, zu tun hat. Dieses Etwas hat einen festen Platz in uns, macht einerseits die Einzigartigkeit des Einzelnen aus, stiftet aber gleichzeitig Gemeinschaft, ein Kollektiv. Und hier bewegen wir uns natürlich wieder auf dünnem Eis, denn es ist ein kurzer Weg vom Kitsch zur Manipulation – und darauf spielt Kundera meines Erachtens an. Aber man kann dem mit Hilfe der Kultur- und Sozialanthropologie oder der Psychologie auf die Spur kommen. Zum Beispiel hat Edgar Schein diese Zusammenhänge in seinem „Organisational Culture Model“ beleuchtet – doch das ist schon ein anderes Thema, das man auf der Ebene der Axiologie und der Moralphilosophie diskutieren müsste.

Sylvia Geist: Ja, unbedingt! Das Kulturebenen-Modell stellt einen Zusammenhang zwischen den Kunstwerken – Schein nennt sie Artefakte – mit einem „Gefühl für das Richtige“ her, das auf kollektiven Werten basiere. Diese kollektiven Werte wiederum, so Schein, wurzeln in Grundannahmen, die wenigstens z.T. kulturell geprägt sind. Mein Eindruck ist, dass, wenn von Kitsch bzw. dem darin liegenden Trost die Rede ist, ein zumindest in Europa kulturell geprägtes „Gefühl“ hinsichtlich dessen, was Kunst ausmacht, ausgeblendet wird: Wahrhaftigkeit, Welthaltigkeit, Auseinandersetzung, Vision – Kunst eben nicht als Flucht, sondern als Ausdruck, auch als think tank für mögliche Auswege aus überkommenen Vorstellungen. Die Frage ist, welche kollektiven Werte liegen dem Kitsch deiner Meinung nach zugrunde, und von welchen Grundannahmen werden sie getragen?

Martina Straková: Wie gesagt, ich betrachte „Kitsch“ jetzt, in der gegenwärtigen Situation, und in dieser Sekunde als eine notwendige Entlastung. Meine Auffassung und mein Produkt, Mural Jewellery, variiert das eben auch deshalb, weil es sich um ein Irrationales handelt. Hier würde ich jetzt nicht irgendwelche „komplizierten“ Werte benennen. Aber ich möchte an dieser Stelle auf den Soziologen und Philosophen Georg Simmel hinweisen, dessen Betonung des individuellen Gesetzes in Moralphilosophie wie auch Ästhetik dem entgegenkommt, worum es mir geht: einen individuellen Weg des Subjekts von sich zu sich, der auch die Kultur trägt. Laut Simmel hat ein Mensch die Fähigkeit – die inkorporierte Potenz – aber auch die Verantwortung sich selbst gegenüber, sich auf diesen individuellen Weg zu begeben. Wenn er ein Produkt (des Lebens) aus der Position eines Dritten (also aus einer Position der Gegenüberstellung) betrachtet, ist er imstande, dieses Produkt in sich einzubeziehen und weiter zu transformieren, auch in moralischer Hinsicht.

Sylvia Geist: Warum beharrst du auf dem Begriff „Kitsch“? Als Provokation würde ich das sofort verstehen, etwa als Sturm auf diesen Elfenbeinturm, sozusagen – meinst du das?

Martina Straková: Nennen wir es ruhig anders! Ich beharre nicht auf Kitsch, und ich möchte auch nicht provozieren, das macht Jeff Koons viel besser. Was nun die Renaissance usw. angeht: Ja, genau, für mich gehören meine Lieblingsstillleben und Landschaften unbedingt dazu! Das ist das Gleichgewicht, das ich gerade jetzt unbedingt brauche. Dazu zählt auch der Sonnenuntergang, und das in erhöhter Dosis! Ist das Kitsch? Natürlich, und was für einer!

Sylvia Geist: Zunächst einmal ist ein Sonnenuntergang ein Naturereignis, und als solches spielt er „in einem anderen Theater“.

Martina Straková: Natürlich. Ein Sonnenuntergang ist aber auch ein Thema der Kunst und kann vielfältige Konnotation haben. Vielleicht könnten wir uns jetzt einen Sonnenuntergang vorstellen. Wie fühlt es sich an?

Sylvia Geist: Also Kitsch als „Medizin“, oder wenigstens als Placebo? Gehören Krise und Kitsch womöglich zusammen?

Martina Straková: Wenn Kitsch, dann nur als Medizin. Wie der Sonnenuntergang, der auch äußerst hilfreich für unsere Psychohygiene ist. Übrigens habe ich mir nun eine besondere E-Mail-Adresse eingerichtet: ineedkitsch@gmail.com, Zuschriften zum Thema sind willkommen.

Das Gespräch wurde via E-Mail im November 2020 geführt für das online Projekt poetskatze.de

Potrebujem gýč ::: I need kitsch
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Green & Yellow. Mural Jewellery 89, Wool, Mixed media, PhotoFunia, 2019.
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